Das Jüdische Museum Westfalen eröffnete am Sonntag die Ausstellung „Dignity – Ágnes Lukács und Burkhard Schittny“.
Eine Überlebende zeichnet, was sie in Auschwitz gesehen hat. Ein Künstler von heute antwortet ihr mit eigenen Arbeiten. Beides zeigt das Jüdische Museum Westfalen vom 18. Oktober 2026 bis zum 18. April 2027 in der Ausstellung „Dignity – Ágnes Lukács und Burkhard Schittny“.
Hunger, Zwangsarbeit, Tod – und Nähe
Ágnes Lukács (1920–2016) hatte an der Ungarischen Akademie der Bildenden Künste in Budapest studiert und war Kunsterzieherin. 1944 verhafteten die Nationalsozialisten sie in Budapest und deportierten sie nach Auschwitz. Von dort kam sie in das Außenlager Reichenbach des KZ Groß-Rosen, dann in das Frauenaußenlager Porta Westfalica-Hausberge des KZ Neuengamme. Dort wurde sie im April 1945 befreit.
Wenige Monate später, im Herbst 1945, begann sie zu zeichnen. In 24 Tuschezeichnungen hielt sie den Alltag von Auschwitz fest: Zwangsarbeit, Hunger, Selektionen, Gewalt und Tod. Sie zeigte aber auch Momente der Nähe und gegenseitigen Hilfe. 1946 erschienen die Blätter in Budapest als Mappe unter dem Titel „Auschwitz Női Tábor“ („Frauenlager Auschwitz“). Das Museum zeigt diese Mappe. Die Zeichnung „Összebújva“ („Eng beieinander“, 1945/46) erzählt von der Solidarität der Frauen im Lager.
Der Hamburger Künstler Burkhard Schittny
Burkhard Schittny (*1966) lebt in Hamburg. Vor einigen Jahren entdeckte er das Werk von Ágnes Lukács und setzte sich besonders mit „Összebújva“ auseinander. Daraus entstand 2021 sein Video-Projekt „Dignity – Tribute to Ágnes Lukács (Edit 2)“. Es überträgt die Zeichnung in die Gegenwart.
Auch seine übrigen Arbeiten gelten dem nationalsozialistischen Unrecht. Er nimmt historische Zeugnisse und Orte zum Ausgangspunkt und fragt, wie Erinnerung heute sichtbar und erfahrbar werden kann. In Dorsten sind unter anderem drei Arbeiten aus seinem Projekt „Legacy Projects“ zu sehen:
- „Erledigt“ (2023): Fünf Porträts luxemburgischer Opfer des Bombenangriffs auf das KZ Unter den Eichen in Wiesbaden am 18. Dezember 1944. Die Gesichter bestehen aus Abdrücken eines Stempels mit dem Wort „Erledigt“. Aus der Ferne erkennt man die Menschen, aus der Nähe nur den Stempel – ein Bild für eine Bürokratie, die den Tod von Zwangsarbeitern in Kauf nahm.
- „hätte wäre Würde“ (2023): Sechs Diaprojektoren werfen Licht durch eine offene Tür. An der Wand erscheint ein Satz aus dem letzten Brief des Zwangsarbeiters Nikolaus Lanners an seine Familie: „Wenn man nur ein paar Tage die Freiheit hätte und man wäre bei Euch.“ Lanners starb beim Bombenangriff. Der Lichtstrahl blendet die Besucher beim Eintreten.
- „Henkersmahlzeit“ (2015): Der Pigmentdruck gibt eine Passage aus „Mein Kampf“ wieder. Sie schildert, wie Mäuse sich um Brotreste jagen, während der Verfasser zusieht. Der Text wirkt harmlos. Erst die Bildlegende nennt Adolf Hitler als Urheber und verändert den Blick.
Was die Ausstellung fragt
„Dignitas“ heißt auf Lateinisch Würde. Das Grundgesetz stellt sie an den Anfang: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Dieser Satz entstand aus den Erfahrungen mit totalitären Systemen wie dem Nationalsozialismus. Damit er auch künftig gilt, muss man an vergangene Angriffe auf die Menschenwürde erinnern. Die Ausstellung lässt zwei Sichtweisen aufeinandertreffen: das unmittelbare Zeugnis einer Überlebenden und die Auseinandersetzung eines Künstlers von heute. Sie fragt, wie wir mit dem Wissen um das Geschehene umgehen.
Das Rahmenprogramm
- Öffentliche Führungen: samstags, 14:30 Uhr, am 14. November 2026, 9. Januar, 6. März und 10. April 2027. Eintritt 7,50 Euro.
- Lesung „Der vergessene Widerstand“: Donnerstag, 18. Februar 2027, 19:30 Uhr, online und kostenlos. Prof. Stephan Lehnstaedt gibt in seinem Buch einen Überblick über den jüdischen Widerstand und erinnert an einen beispiellosen Kampf gegen die Entmenschlichung.
- Theaterstück „Ottla“ (Rimon Productions): Sonntag, 21. Februar 2027, 17 Uhr. Während Franz Kafka schreibt, widmet seine Schwester Ottla David sich dem Leben ihrer Familie. In Theresienstadt betreut sie die Kinder im Waisenhaus. Das Stück zeigt eine Frau, deren Menschlichkeit auch unter unmenschlichen Bedingungen nicht zerbricht. Eintritt 12 Euro.
- Für Schulen: Das Museum bietet einen Workshop für Schulklassen der Oberstufe an, dazu Selbstlernmaterialien. Informationen und Buchung unter lernen@jmw-dorsten.de.
Anmeldung und Auskunft zu den Veranstaltungen: rezeption@jmw-dorsten.de oder 02362-45279.
Die Ausstellung auf einen Blick
- Titel: Dignity – Ágnes Lukács und Burkhard Schittny
- Laufzeit: Oktober 2026 bis 18. April 2027
- Ort: Jüdisches Museum Westfalen, Julius-Ambrunn-Straße 1, 46282 Dorsten
- Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 10:00–12:30 und 14:00–17:00 Uhr; Samstag, Sonntag und Feiertage 14:00–17:00 Uhr
- Kontakt: Telefon 02362-45279, info@jmw-dorsten.de, jmw-dorsten.de
Die Ausstellung entstand mit freundlicher Unterstützung des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen und des Demokratiefonds der Stadt Dorsten.